I even did my hair for you – Sexismus in den Charts

Frauenarzt & Manny Marc

Der Popstar Elton John

I even did my hair for you – Sexismus in den Charts

Wer Sexismus in den Charts finden will, braucht nicht lange zu suchen: leichtbekleidete Frauen und muskelbepackte Männer scheinen überall zu sein. ›Sex sells!‹ gilt nicht nur in der Werbung, sondern auch für Plattencover und Musikvideos. Aber was genau ist hier eigentlich sexistisch?

Ganz allgemein ist Sexismus die Unterteilung, Hierarchisierung und Abwertung von Menschen aufgrund ihrer biologischen Geschlechtsmerkmale. Auch die Annahme, dass es nur zwei unveränderliche und als Gegensätze begriffene Geschlechter gibt, nämlich Männer und Frauen, mit jeweils als typisch angesehenen Eigenschaften, ist Sexismus und wird als ›Heteronormativität‹ bezeichnet.

Hierbei geht es nicht um offene Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, sondern um die Frage, welche Geschlechterrollen als ›normal‹ gelten. Aus heteronormativer Sicht sind das ausschließlich solche, die dem heterosexuellen Ideal entsprechen. Dies meint dann eine ›typische Frau‹ und einen ›typischen Mann‹ und die ›typische‹ Paarbeziehung zwischen diesen beiden. Diese Norm ist in der Gesellschaft sehr stark und findet sich auch in vielen Popsongs.Das Problem lässt sich also nicht allein auf halbnackte Backgroundtänzerinnen und muskelbepackte Männer in Machoposen reduzieren. Vielmehr muss auch da genauer hingeschaut werden, wo eine Normalität vorgelebt wird, die für viele Menschen alles andere als normal ist.

Sexismus…

Offensichtliche Beispiele sind natürlich die Reduzierung von Menschen auf ihre körperlichen Eigenschaften und – im Mainstream-Pop insbesondere bei Frauen – auf ihre sexuelle Verfügbarkeit. Vor diesem Hintergrund sind auch die Aussagen des männlichen Machogehabes zu verstehen: Der Star ist nicht nur der Tollste, Beste und Coolste, er ist es auch, der ›sie alle haben kann‹.

Dass Frauenarzt & Manny Marc in ihrem Song ›Atzin‹ Frauen auf Aussehen und sexuelle Verfügbarkeit reduzieren, wird niemand bestreiten können und auch für Culcha Candela stehen ›monsta body‹, ›monsta blick‹ und ›monsta boom boom‹ im Vordergrund:

»Meine Atzin ist der Wahnsinn, geile Sau, fast wie im Sexfilm, wie im Sexfilm geht es heute ab, wir feiern heut die ganze Nacht. (…) Eine Atzin weiß wie man es macht. Ich liebe ihre Atzenart. Freche Göre, geiler Arsch, Atzenstyle so cool ist keine, Atzengeil.«

(Frauenarzt & Manny Marc – Atzin)

»Sie hat den monsta body / Mit dem monsta blick / Und ihr monsta boom, boom / Gibt mir den kick«

(Culcha Candela – Monsta)

…oder einfach nur ›normal‹?

Der musikalische Mainstream ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft. Wenn dort Männer stark und unabhängig, Frauen dagegen vor allem gefühlvoll und attraktiv sein sollen, zeigt sich das natürlich auch in der Musik.

Neben den klassischen männlichen und weiblichen Rollenbildern, wie die gefühlvolle und attraktive Sängerin oder der starke und unabhängige, männliche Rockstar, werden in den Charts auch bestimmte Beziehungsmodelle vermittelt. Hier ist vor allem das Bild einer ›typischen‹ Liebesbeziehung zwischen einem Mann und einer Frau zu nennen – unzähligen Songs liegt das gesellschaftliche Ideal heterosexueller Paarbeziehungen zugrunde. Es geht dann beispielsweise darum, dass er sie liebt oder sie ihm das Herz gebrochen hat. Für viele ein Grund, sich angesprochen zu fühlen und mitzuträllern, für viele aber eben auch nicht.

Der Song ›Satellite‹ ist ein interessantes Beispiel für klassische Geschlechterbilder in den Charts. Auch wenn Lena Meyer-Landrut ein betont selbstbewusstes Image hat, sind die Rollen hier klar verteilt: sie tut alles für ihn, von der Bekleidung bis zum Stylen der Haare. Sie gibt sich damit zufrieden, passiv seine Entscheidungen abzuwarten und dieser – eigentlich eher unbefriedigende – Zustand wird auch noch als ausweglos beschrieben.

»I went everywhere for you / I even did my hair for you / … / Where you go, I’ll follow / You set the pace, we’ll take it fast and slow / I’ll follow in your way / … / A force more powerful than gravity«

(Lena Meyer-Landrut – Satellite)

Übersetzung:

»Ich ging überall für dich hin / Für dich habe ich mir sogar die Haare gestylt / … / Ich folge dir wohin du auch gehst / Du bestimmst das Tempo, egal ob schnell oder langsam / Ich werde dir folgen / … / Eine Kraft stärker als die Erdanziehung«

Bei Revolverheld und Marta Jandová wird das Bild eines Paares gezeichnet, das – trotz aller Schwierigkeiten – zusammensteht und sich bestens ergänzt. Die Inszenierung derartiger Liebesbekundungen für sich genommen ist nicht problematisch. Man sollte sie jedoch in ihrem gesellschaftlichen Kontext sehen und sich die Frage stellen, ob auch ein offen homosexuelles Künstler_innenduo mit diesem Song Erfolg haben könnte.

»Siehst du den Weg aus dieser Dunkelheit? / Willst du raus, ich bin bereit. / Das kann nicht alles schon gewesen sein. / Ich glaub an uns und unsere Zeit. / Halt dich an mir fest, wenn dein Leben dich zerreißt. / Halt dich an mir fest, wenn du nicht mehr weiter weißt.«

(Revolverheld ft. Marta Jandová – Halt’ dich an mir fest)

Abweichung und Aneignung

Der Mainstream-Pop bot und bietet immer auch eine Bühne für das Ausbrechen aus der heterosexuellen ›Normalität‹ und das Hinterfragen gesellschaftlicher Wertevorstellungen. Popmusik ist hier eine Spielwiese für das Ausprobieren von neuen Rollen. Das reicht von dem betont selbstbewussten Auftreten weiblicher Rockstars bis zur androgynen Bühnenpräsenz männlicher Popstars. Auch wird Homosexualität in der Pop-Musik viel eher akzeptiert als in anderen gesellschaftlichen Bereichen. So gab es in den vergangenen Jahrzehnten in den verschiedensten Genres bekennend schwule oder lesbische Künstler_innen die kommerziell erfolgreich waren oder es noch sind.

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