Alles Schlampen ausser Mutti? – Sexismus im Hip Hop

Alles Schlampen ausser Mutti? – Sexismus im Hip Hop

Die Musikrichtung Hip Hop gibt es seit den 1970er Jahren. Ihren Ursprung hat sie in der Bronx, einem Stadtviertel New Yorks. Hier begannen afro-amerikanische DJs wie Kool DJ Herc, Africa Bambaataa oder Grandmaster Flash aus den rhythmischen Passagen von Soul-, Funk- und Discostücken einen tanzbareren Sound für Partys zu kreieren. Rap, also Sprechgesang, diente zunächst dazu, das Publikum zum Tanzen aufzufordern. Im Laufe der Zeit wurden die Texte aber immer komplexer und Rap wurde zu einer eigenen Kunstform. Hip Hop wurde zur weltweit einflussreichsten Jugendkultur.

Schon in den 1980ern sorgte Hip Hop für Aufregung, da immer öfter über Gewalt, Drogen und das harte Leben im Ghetto gerappt wurde. Die Sprache war entsprechend aggressiv und direkt. Der sogenannte Gangsta-Rap entstand, der besonders von Künstler_innen aus Los Angeles wie N.W.A. oder Ice-T geprägt wurde. Die Mehrzahl der Rapper_innen sind Männer, aber es gab und gibt auch einflussreiche Frauen wie Missy Elliot oder Nicki Minaj. Sexistische und frauenfeindliche Inhalte sind im Hip Hop trotzdem weit verbreitet und erreichen wegen der großen Beliebtheit der Musik ein breites Publikum.

Deutscher Hip Hop hatte Anfang der 1990er mit den Fantastischen Vier seine ersten Stars. Wurde deutscher Hip Hop zu Beginn meist eher als harmlose Spaßmusik wahrgenommen, sind seit dem Erfolg von Rappern wie Bushido oder Sido auch hier oft sexistische und gewaltverherrlichende Inhalte zu finden.

Statussymbole und Sexobjekte

Im männerdominierten Hip Hop sind der sexistische Umgang mit Frauen und sehr starre Rollenbilder für Männer und für Frauen eher die Regel als die Ausnahme. Ganz besonders deutlich wird dies in den Texten und Musikvideos.

Die Videos dienen dazu, den Hip-Hop-Lifestyle und die Texte möglichst überzeugend zu präsentieren. Klar, dass hier besonders viel Wert auf Statussymbole wie Autos und Goldketten gelegt wird, um zu zeigen, wie erfolgreich man ist. Frauen verkommen dabei oft zu Objekten und Zeichen des Ruhmes männlicher Rapper. Als ›Bitches‹, ›Schlampen‹ oder ›Hoes‹ bezeichnet, werden sie in Videos mit Porno-Optik stets an der Seite eines Mannes und meistens spärlich bekleidet gezeigt. Genau diese Videoclips dominieren die öffentliche Wahrnehmung der Hip-Hop-Szene und führen oft zu hitzigen Debatten innerhalb und außerhalb der Szene.

Die Texte von Rappern wie Bushido, Sido oder dem als ›Pornorapper‹ bekannten King Orgasmus One kommen kaum ohne sexistische Beschreibungen aus. Teilweise sind die Texte offen frauenfeindlich, wie dieses Beispiel von King Orgasmus One zeigt:

»Frauenfeind, Frauenfeind, / Mädel deine Sprüche sind alle für’n Arsch (…) / halt dein Maul – Frau – du gehst mir aufn Sack (…) / Mach mir was zu Essen und danach gehst du putzen, / so wie sich das gehört«

(King Orgasmus One – Du Nichts, Ich Mann)

Battlerap

Beim Battlerap steht das Dissen, also das absichtliche Heruntermachen und Beleidigen von anderen Rapper_innen, im Mittelpunkt. Gebattlet, also ›gekämpft‹, wird mit möglichst gelungenen Reimen und raffinierten Beleidigungen, die oft sehr kreativ und witzig sind.

Beim Dissen zeigen sich aber auch der im Hip Hop verbreitete Sexismus, die Homophobie und die Frauenfeindlichkeit immer wieder sehr deutlich. Gereimte Beleidigungen, die Männer als verweichlicht oder schwach darstellen, als ›schwul‹ oder als ›Mädchen‹, sind an der Tagesordnung. Auch frauenfeindliche Beschimpfungen der Mütter und Freundinnen männlicher Rapper gehören hier dazu. Diese überzogenen Darstellungen jenseits des ›guten Geschmacks‹ sind oft nicht ernst gemeint, sondern Spiel und Provokation. Trotzdem funktioniert gerade homophobes und sexistisches Dissen besonders gut. Das zeigt, dass Frauen und Homosexuelle im Gegensatz zu ›richtigen Männern‹ ein deutlich geringeres Ansehen in der Hip-Hop-Szene genießen.

Ironie und Spiel

Wie alle Jugendkulturen ist auch Hip Hop keine einseitige Szene, nicht alle Rapper_innen sind sexistisch und homophob. Manche Künstler_innen gehen ironisch und spielerisch mit solchen Themen um. Das Stück ›Schwule Mädchen‹ (2001) von Fettes Brot kann als Versuch verstanden werden, die im Hip Hop (und auf dem Schulhof) als Beleidigung gemeinten Bezeichnungen ›schwul‹ und ›Mädchen‹ als etwas Positives zu verstehen. Fettes Brot stehen als nette Spaßrapper allerdings eher außerhalb der Hip-Hop-Szene. Anders K.I.Z. aus Berlin, die für ihre derben Texte bekannt sind, in denen oft sexistische Klischees auftauchen. K.I.Z. geben sich hierbei ironisch distanziert, sie brechen die Klischees immer wieder beziehungsweise treiben sie sarkastisch auf die Spitze. Was ernst gemeint ist und was nicht, bleibt oftmals unklar. Ihr Verhalten legt jedoch nahe, dass es ihnen um ein Spiel mit Stereotypen geht, und nicht darum, Sexismus zu reproduzieren.

Auf ihrem Album ›Sexismus gegen Rechts‹, dessen einigermaßen absurder Titel schon für sich spricht, nehmen sie zum Beispiel im Lied ›Ohrfeige‹ sexistische Stereotype aufs Korn:

»An der Art wie du dein Arsch shakest seh ich du kannst gut kochen, / stabiler Nacken, perfekt für eine Kuhglocke, / ich tanz mit dir bis Mitternacht / und les dir jeden deiner Wünsche von den Titten ab (…) / Und sie gibt mir eine Ohrfeige / (…) / dass es klatscht, und ich flieg aus meinen Shox!

Hip Hop gegen Sexismus und Homophobie

Es gibt auch einige Rapper_innen, die deutliche Kritik an den Zuständen im Hip Hop üben, zum Beispiel die Berliner Rapperin Sookee. Sie thematisiert in ihren Texten Fragen von (sexueller) Identität und Machtstrukturen. Im Interview verweist sie auf das Problem, dass bestimmte Rollen im Hip Hop festgelegt sind, und es schwierig ist, diese Stereotype zu überwinden:

»Und dass Frauen nur bedingten Anteil an der Sache (am Hip Hop Geschäft, Anm. der Redaktion) haben, ist ja nur naheliegend. Alles was über Bitch, Lady, Sister oder Queen hinaus geht, muss erstmal gezeichnet werden und sich durchsetzen.« (Interview auf www.hiphop.de)

Dabei sieht sie die Schuld nicht ausschließlich bei den Männern der Hip-Hop-Szene, sondern auch bei Frauen, die stereotype Bilder und Vorstellungen reproduzieren und bei der Gesellschaft, die diese Bilder immer wieder benutzt:

» (…) Jede Frau, die die Sache mitspielt und die Klischees reproduziert, hat Mitschuld an dieser ganzen Geschichte. Das sind aber Dinge, die oft ausgeblendet werden. Wenn’s in Interviews darum geht, sage ich oft ›Rap hat Sexismus nicht erfunden – er macht es nur sehr deutlich‹. Für mich ist so gut wie jede Waschmittelwerbung (fast schon) sexistischer, da sie subtiler ist.« (Interview auf www.hiphop.de)

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