one love? – Homophobie im Reggae und Dancehall

Der jamaikanische Dancehallstar Sizzla

Der jamaikanischer Reggaesänger Capleton

one love? – Homophobie im Reggae und Dancehall

Reggae entwickelte sich Ende der 1960er Jahre auf Jamaika aus den Musikstilen Ska und R’n’B. Anfangs thematisierten die Songs vor allem Liebesgeschichten, später wurden durch den Einfluss der Rastafari-Bewegung – einer jamaikanischen Glaubensrichtung – auch sozialkritische und religiöse Inhalte in die Musik eingebracht.

Der Begriff ›Dancehall‹ bezeichnete ursprünglich die auf Jamaika stattfindenden Tanzpartys der unteren Bevölkerungsschichten. Er wurde ab Beginn der 1980er Jahre zum Namen einer Stilrichtung, die sich mit Hilfe digitaler Musikproduktion eigenständig etablierte. Die Texte handeln häufig von Sex und Gewalt und sind durch sexistische und homophobe Äußerungen in den letzten Jahren in Großbritannien und auch in Deutschland stark in die Kritik geraten.

Während auf Jamaika Dancehall eine Art Volksmusik ist, die überall gespielt und mitgesungen wird, ist die Dancehall-Szene in Deutschland eher klein. Sie hat sich erst Anfang der 1990er Jahre herausgebildet, als DJs und (jamaikanische) SoundsystemsEine Art mobile Diskothek, die sowohl technisches Equipment (Anlage und Boxen) als auch die beteiligten Personen (u.a. ein Selector oder DJ und ein Soundboy oder MC) umfasst. anfingen, den neuen Stil zu spielen. Seit den Charterfolgen von Künstlern wie Gentleman oder Seeed hören zwar viele Menschen in Deutschland Reggae und Dancehall, wissen aber oft wenig darüber.

Homophobie auf Jamaika

Das Männlichkeitsbild vieler Jamaikaner_innen ist, nicht zuletzt aufgrund der sehr präsenten und ziemlich konservativen Religionen, stark patriarchal geprägt: So sollen Männer vor allem Gyalist, Baby Father und Bad Boy sein – also viele Frauen haben, Kinder zeugen und sich zur Not mit Gewalt verteidigen können. Als das genaue Gegenteil hierzu gelten Homosexuelle, die mit den beleidigend gemeinten Begriffen Battyman und Chi Chi Man beschimpft werden.

Den gesellschaftlichen Umgang mit Homosexualität dominiert in Jamaika (noch immer) Homophobie, auch wenn sich die Lage Homosexueller in den letzten Jahren verbessert hat. Eine besondere Rolle spielt hier die neugewählte Premierministerin des Landes, Portia Miller-Simpson, die sich schon mehrfach öffentlich für die Rechte Homosexueller eingesetzt hat.

Battyman Tunes

Die sogenannten Battyman Tunes sind Reggae- oder Dancehall-Songs, deren Texte sich gegen Homosexuelle richten. Die Inhalte dieser Texte reichen von homophoben Beleidigungen und der Ablehnung von Homosexualität bis hin zum Aufruf, Homosexuelle zu jagen oder zu ermorden. Auch weltberühmte Reggae- oder Dancehall-Künstler wie Buju Banton, Capleton, Sizzla oder Bounty Killer haben Battyman Tunes aufgenommen.

Ein vergleichsweise harmloses Beispiel für einen solchen Text findet sich in dem Song ›Ramping Shop‹ von Vybz Kartel und Spice von 2008:

»Every man grab a gyal / And every gyal grab a man / Man to man, gyal to gyal dats wrong / Scorn dem«

Übersetzung:

»Jeder Mann nimmt sich ein Mädchen / Und jedes Mädchen nimmt sich einen Mann / Mann mit Mann, Frau mit Frau ist falsch / Verachtet sie«

Bewegung gegen Homophobie

In England, wo viele ausgewanderte Jamaikaner_innen leben und Reggae sehr verbreitet ist, begannen Schwulen- und Lesbenaktivist_innen, auf die homosexuellenfeindlichen Texte im Reggae und Dancehall aufmerksam zu machen. Durch Gespräche zwischen Konzertveranstalter_innen, Musiker_innen und Aktivist_innen kam es zu Vereinbarungen wie dem Reggae Compassionate Act. In diesem verpflichteten sich Künstler_innen, keine homophoben Lieder auf der Bühne zu singen. Aus verschiedenen Gründen scheiterte die Vereinbarung. Sowohl Homosexuellenverbände als auch Politiker_innen begannen, die Konzerte von Dancehall-Stars wie Buju Banton oder Sizzla zu verhindern und die Künstler mit Einreiseverboten zu belegen. Eine Lösung des Konflikts steht noch aus.

Die Situation in Deutschland

Ende der 1990er Jahre etablierte sich in Deutschland eine größere Reggae- und Dancehall-Szene. Neue Soundsystems formierten sich, zahlreiche Partys wurden veranstaltet. Dancehall ist hierzulande vorwiegend Tanzmusik, beliebt sind vor allem Lieder mit Rastafari-Inhalten oder Marihuana-Verherrlichung. Im Gegensatz zu Jamaika verstehen jedoch in Deutschland nur wenige Fans die in KreolsprachenEine Sprache, die als Gemisch aus zwei oder noch mehr verschiedenen Sprachen entstanden ist. gesungenen Texte. Daher ist es keine Seltenheit, dass auch Fans, die keine explizit homophobe Einstellung haben, auf Partys zu Musik mit homophoben Texten feiern. Oft wird Homophobie auch einfach zu einem festen Bestandteil jamaikanischer Rastakultur verklärt und verharmlost. Menschen, die sich gegen Homophobie im Reggae aussprechen und die jamaikanischen Musiker_innen kritisieren, werden dann zum Teil als Rassist_innen bezeichnet.

Seit einigen Jahren regt sich aber auch in der deutschen Reggae- und Dancehall-Szene vermehrt Widerstand gegen Musiker_innen mit homophoben Texten. So waren die Veranstalter_innen des Chiemsee Reggae Summer-Festivals gezwungen, einen Auftritt von Sizzla abzusagen, auch gegen die Festivalteilnahme von Capleton gab es starken Protest.

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