die Umdeutung einer Jugendkultur – National Socialist Hardcore

Brainwash 2009 bei dem Neonazifestival ›Rock für Deutschland‹ in Gera

Die Reaktion der Neonazis auf ›Good Night White Pride‹

Ein nicht-rechtes Straight Edge T-Shirt

Ein ähnliches Shirt aus der NSHC-Szene

Die Umdeutung einer Jugendkultur – National Socialist Hardcore

Hardcore entstand Ende der 1970er Jahre in den USA und war eine härtere und schnellere Spielweise des britischen Punk. Richtungsweisende Bands waren Dead Kennedys, Black Flag und Minor Threat. Viele Hardcore-Bands protestierten in ihren Texten gegen die Ungerechtigkeiten innerhalb der amerikanischen Gesellschaft, sie standen politisch oftmals links.

Es gab jedoch bereits Mitte der 1980er Jahre konservative bis rechte Strömungen in der Hardcoreszene. Besonders bei Bands aus New York wie Agnostic Front, Cro-Mags oder Warzone, aber auch Slapshot aus Boston, waren in manchen Texten patriotische bis nationalistische, anti-kommunistische oder homophobe Einstellungen zu finden.

Die Band Youth Defense League bezeichnete sich dann 1987 im neonazistischen ›Blood & Honour-Magazin‹ selbst als ›pro American, Nationalist and Anti-Communist Band‹.

Außerdem gibt es bekennend rechtsextreme Bands, die diese aggressive Musik für sich nutzen. In den USA entstand der oftmals rassistische Hatecore, in Deutschland erfreut sich der National Socialist Hardcore (NSHC) innerhalb der rechtsextremen Szene immer größerer Beliebtheit. NSHC ist heute ein zentraler Bestandteil des jugendkulturellen Angebots der Neonaziszene.

Rechter Hassgesang

Optisch ist die NSHC-Szene kaum von der herkömmlichen Hardcore-Szene zu unterscheiden, es gibt außerdem Überschneidungen mit den Autonomen Nationalisten. Deutsche NSHC-Bands wie Race War, Moshpit oder Brainwash verbreiten Hass auf alles, was ihnen fremd erscheint, wie zum Beispiel in dem Song ›Hate is our justice‹ von der Band Brainwash:

»Hate is what leads us / Hate is our battle cry / Hate is our justice / Hate is our way of life / It’s better when you hide from us / you dirty fucking scum / we hate everything that’s different / especially the chosen one«

Übersetzung:

»Hass ist was uns führt / Hass ist unser Schlachtruf / Hass ist unsere Gerechtigkeit / Hass ist unser Lebensstil / Es ist besser, wenn ihr euch vor uns versteckt / ihr dreckiger Abschaum / Wir hassen alles, was anders ist / besonders die Auserwählten«

The chosen one‹, auf Deutsch ›die Auserwählten‹, bezieht sich auf das jüdische Volk, das im alten Testament auch ›das auserwählte Volk‹ genannt wird. Der Text ist also nicht nur rassistisch (da alle, die ›anders‹ sind, gehasst werden), sondern auch antisemitisch.

Der Kampf gegen die Neonazis

Im Februar 2009 ließ ein bekannter Neonazi den Begriff ›Hardcore‹ als Markennamen beim deutschen Patent- und Markenamt eintragen. Er hatte dadurch das Recht, gegen den Gebrauch des Begriffs durch andere vorzugehen und hätte so der in der Regel eher links stehenden Jugendkultur Hardcore große Probleme bereiten können. Durch massive Proteste aus der Hardcore-Szene wurde das aber verhindert. Der Eintrag wurde gelöscht, da der Begriff als Name einer Musikrichtung und Jugendkultur nicht patentierbar sein kann.

Teile der Hardcore-Szene haben außerdem Kampagnen und Initiativen wie ›Hardcore bleibt Nazifrei‹ oder ›Good Night White Pride‹ gestartet, um die Versuche der Neonazis zu stoppen, diese Jugendkultur zu unterwandern und für ihre eigenen Zwecke zu nutzen.

Die Neonazis reagierten wiederum auf diese Initiativen und benutzten deren Logos mit veränderten Inhalten: ›Hardcore bleibt Antifa-frei‹ und ›Good Night Left Side‹.

Straight Edge

Der Begriff ›Straight Edge‹ stammt von der Band Minor Threat, die in ihrem Song ›Out of Step‹ 1981 über den Verzicht auf Tabak, Alkohol und andere Drogen singt (›straight‹ bedeutet in diesem Zusammenhang ›nüchtern‹). Aus diesen Grundsätzen hat sich eine Jugendkultur innerhalb der Hardcore-Szene entwickelt, deren Anhänger_innen nach diesen Prinzipien leben und sich meist auch vegetarisch oder veganVeganismus bezeichnet eine Lebensweise, die den Verzicht auf jegliche tierische Produkte beinhaltet, das heißt neben Fleisch auch auf Milch, Eier, Honig sowie Lederbekleidung und Wolle. ernähren.

Dies war unter anderem eine Reaktion auf den ungesunden und selbstzerstörerischen Lebensstil vieler Punks, zu dem Alkohol und andere Drogen oft dazugehörten. Während das Motto der Punk-Bewegung ›No Future‹ (›keine Zukunft‹) war, gehört zu Straight Edge eine positive Einstellung zum Leben und ein verantwortungsvoller Umgang mit dem eigenen sozialen Umfeld, der Natur und der eigenen Gesundheit.

Auch innerhalb der NSHC-Szene ist Straight Edge heute verbreitet. Die Neonazis interpretieren Straight Edge nach ihrem Eigeninteresse um. Es ist dann die Rede von ›Volksgesundheit‹ und Schutz der Heimat. Das Klischee des volltrunkenen Neonazis soll widerlegt und das Erscheinungsbild und Image der rechten Szene verbessert werden.

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