›girls who play guitars‹ – Frauen in der Indierock-Szene

Die Musikerin Sara Quin

Das Riot Grrrl Fanzine aus den USA prägte den Namen der Bewegung

›girls who play guitars‹ – Frauen in der Indierock-Szene

Als Indierock wurde ursprünglich Rockmusik bezeichnet, welche ausschließlich über unabhängige (engl. independent = unabhängig) Musiklabels vertrieben wurde. Heutzutage fasst man diesen Begriff jedoch etwas weiter und bezeichnet damit vielfältige Musikformen des Subgenres Alternative Rock.

Anfang der 2000er Jahre erlebte der gitarrenlastige Indierock dank Bands wie The Strokes, The Libertines oder Maximo Park ein Comeback. Die Geschlechterverteilung war hier dieselbe wie fast immer in der Rockmusik: Auf der Bühne finden sich Jungsbands und singen Songs über Mädchen, die wiederum im Publikum stehen und die ›Rockstars‹ bewundern. Die Rollen sind meist klar verteilt. Dies ist nicht weiter verwunderlich, wird doch die Rockgeschichte von Bands dominiert, die sich besonders männlich-machohaft inszenieren und folglich oft sexistisch auftreten wie die Rolling Stones, Led Zeppelin oder AC/DC.

Auch hinter der Bühne ziehen seit jeher hauptsächlich Männer die Fäden. Als Manager, Labelinhaber, Konzertveranstalter oder Musikjournalisten haben sie einen großen Anteil daran, welche Bands den Durchbruch schaffen. So erweist sich das Musikbusiness als Spiegel der Gesellschaft: In den entscheidenden Positionen sitzen Männer. Der Feminismus verwendet für diesen Zustand den Begriff ›Patriarchat‹.

Die Rolle der Mädchen im Indierock

Mädchen und Frauen kommt oft nur die Rolle der Zuschauerinnen, Fans oder gar Groupies zu. Wenn sie doch einmal im Rampenlicht dieser männlichen Domäne wahrgenommen werden, wird anstelle ihrer musikalischen Leistung nur ihre Weiblichkeit thematisiert. So berichtet die Musikerin Sara Quin von Tegan And Sara:

»Wenn du als Frau Musik machst, fragen sich aber alle, warum Männer sie so mögen – oder mögen etwa vielleicht sogar nur lesbische Frauen deine Musik? Oder bist du sogar selbst lesbisch? Okay, dann dürfen nur Schwule und Frauen deine Musik mögen. Dieses Denkprinzip frustriert mich so unfassbar.« www.intro.de , 13.04.2008

Auch Laura-Mary Carter von den Blood Red Shoes erzählt von unschönen Erfahrungen mit Klischeedenken und sexistischen Ausfällen:

»Jetzt wird es langsam besser. Früher bin ich dauernd angeschrieen worden, vom Publikum, von den Mischern usw., weil ich als Mädchen auf einer Bühne die Gitarre spiele. Ekelhaft.« Intro 159, April 2008

Um gegen diesen Umstand anzukämpfen ist es wichtig, bereits aktive Akteurinnen zu unterstützen, eigene Räume zu schaffen, in Kontakt zu bleiben und autonome Netzwerke zu bilden. Denn leider sind, trotz Ausnahmen wie Tegan And Sara, Wild Flag oder PJ Harvey, die ›Girls who play guitars‹ (Maxïmo Park) auch heute noch klar in der Minderheit.

Die Riot Grrrls

Gegen die männliche Dominanz in der Gitarrenmusik rebellierten zu Beginn der 1990er Jahre vor allem in den USA verschiedene Musiker_innen, die Bands wie Babes In Toyland, Bikini Kill oder Sleater-Kinney gründeten. Die feministische Bewegung wurde unter dem Namen ›Riot Grrrls‹ bekannt. Sie engagiert(e) sich gegen klischeehafte Geschlechterrollen, Heterosexismus (s. Themenbereich zu Sexismus in den Charts) und die Diskriminierung von Homo-, Bi- und Transsexuellen.

Nach dem Do It Yourself (DIYDo It Yourself bedeutet ›Mach es selbst‹ und ist der Name einer in den 1950er Jahren entstandenen Bewegung, die Eigeninitiative gegenüber dem Expertenwissen von Profis hochhält und deren Anhänger_innen viele Produkte selbstständig herstellen anstatt dies der Industrie zu überlassen.)-Gedanken des Punkrock wurde ein unabhängiges Netzwerk mit eigenen Bands, Konzerten und Fanzines geschaffen.

Die kommerziellen Medien in Deutschland vermarkteten die ganze Sache später unter dem Schlagwort ›Girlie‹, einem Begriff, der die ursprüngliche Idee der Bewegung ins Gegenteil verkehrte, weil Girlies zwar frech, aber auf keinen Fall gesellschaftlich und politisch aktiv sein sollten. Stattdessen wurde Party, Spaß und Sexyness gefordert. Das radikale politisch-emanzipatorische Potential verschwand.

Ladyfeste und Girls Camps

Im Anschluss an die Tradition der ›Riot Grrrls‹ wurde in der amerikanischen Stadt Olympia im Jahr 2000 das erste ›Ladyfest‹ veranstaltet. Seit 2003 finden auch in Europa regelmäßig Ladyfeste statt. Neben Konzerten von (feministischen) Bands werden auch Vorträge, Filmvorführungen oder diverse kreativ-künstlerische Workshops angeboten. Auch in Berlin gibt es einen entsprechenden Ableger namens ›LaD.I.Y.fest‹.

Speziell für junge Menschen organisiert in Berlin der Verein Ruby Tuesday e.V. zudem das ›Hip Hop und Rock Camp für Mädchen, Trans* und Inter*‹ wo sich Mädchen sowie trans- oder intergeschlechtliche Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren anmelden können, um selber aktiv Musik zu machen oder Workshops zu unterschiedlichen, nicht nur musikalischen, Themen zu belegen.

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