Sehnsucht nach Ursprünglichkeit – Exotismus in der Popmusik

Ein Plattencover mit exotistischen Klischees

Der Jazz-Musiker Archie Shepp

Sehnsucht nach Ursprünglichkeit – Exotismus in der Popmusik

Nicht nur Neonazis sind rassistisch. RassismusRassismus ist der Prozess, in dem Menschen entlang bestimmter Merkmale als Gruppe konstruiert und ausgegrenzt werden. Die Merkmale, entlang derer ausgegrenzt wird, sind Dinge wie eine andere Hautfarbe, Herkunft, Sprache oder Religion. Rassismus ist aber nicht nur eine Ideologie, der überzeugte Rassist_innen anhängen, sondern Rassismus ist auch in den Medien, in der Schule, in Gesetzen, in Verhaltensweisen und im eigenen Kopf zu finden. ist in der gesamten Gesellschaft verbreitet, zum Beispiel als Exotismus. Dieser unterscheidet sich vom gewöhnlichen Rassismus dadurch, dass es nicht um Hass und Abgrenzung, sondern um Sehnsüchte und Faszination geht.

Das klingt zunächst verwirrend, denn Sehnsüchte sind an sich nichts Schlechtes. Trotzdem ist die hier gemeinte Faszination nicht positiv, weil das ›Exotische‹ gleichzeitig als ›primitiv‹, das heißt ›einfach‹, abgewertet wird. Meistens wird es als Gegenteil zur als modern und zivilisiert wahrgenommenen eigenen (westlichen, europäischen) Gesellschaft verstanden. Das Exotische verspricht dann ein einfaches, sorgenfreies Leben. Die als exotisch wahrgenommenen Menschen erscheinen frei, naturverbunden und wild.

Diese Menschen werden aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft oder einer (unterstellten) kulturellen Zugehörigkeit auf scheinbar positive Klischees reduziert. Eine solche Reduzierung auf Klischees kann aber nie positiv sein, auch wenn sie gut gemeint sein mag. Denn echten Menschen wird man mit Klischees nicht gerecht. Menschen sind vielseitig und verschieden, auch wenn sie zufällig vom gleichen Ort kommen. Weil Exotismus reduziert und abwertet, ist er eng mit Rassismus und Sexismus verknüpft.

Exotistische Klischees werden auch in der Popmusik reproduziert und tauchen zum Beispiel unter den Etiketten ›Black Music‹ oder ›World Music‹ auf.

World Music

Die Bezeichnung ›World Music‹ wird als verallgemeinernder Begriff für eine Vielzahl von Musikstilen aus den unterschiedlichsten Ländern benutzt. Diese sehr unterschiedlichen und eigenständigen Genres verbindet eigentlich nur, dass sie nicht aus Europa und Nordamerika stammen, sondern sozusagen aus dem ›Rest der Welt‹. Die Musik wird als traditionelle, ursprüngliche Musik aufgefasst und auf den Plattencovern werden gerne dazu passende Klischees gezeigt. Das sind beispielsweise Masken, Holzhütten unter Palmen am Strand oder tanzende Menschen in traditioneller Kleidung.

Der Eindruck entsteht, dass die Musik Teil einer unveränderlichen, von der ›modernen‹ Welt abgeschotteten Kultur ist. Hier spiegelt sich die für den Exotismus typische Sehnsucht nach einem naturverbundenen und sorgenfreien Leben abseits des Stresses und der Komplexität der heutigen Zeit wider. Diese Sehnsucht wird mit fernen Orten, anderen Ländern und bestimmten Musikstilen verknüpft, ohne dass es eine Rolle spielt, wie das Leben an diesen ›fernen Orten‹ in Wirklichkeit ist.

Die als World Music bezeichnete Musik wird als exotisches Gegenbild zu dem, was in Europa als ›normal‹ gilt, vorgestellt. Aber was genau ist an Indie-Rock, Disco, Schlagern oder Punk eigentlich normaler als an Samba, Arabesque oder mexikanischer Volksmusik?

Black Music – Geschichte eines Begriffs

›Black Music‹ wurde als Begriff für afroamerikanische Musik zur Zeit der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung von Jazz-Musiker_innen wie Archie Shepp geprägt. Das African American Civil Rights Movement war der Kampf der SchwarzenNeben dem an ›African American‹ angelehnten ›afrodeutsch‹ wurde ›Schwarz‹ in den 1980ern und 1990ern als Selbstbezeichnung Schwarzer Menschen in Deutschland eingeführt. ›Schwarz‹ ist nicht als Bezeichnung für die Farbe der Haut zu verstehen, sondern als ein politischer Begriff und wird daher großgeschrieben. Mit ihm sollen Schwarze Menschen in Deutschland sichtbar gemacht werden. in den USA gegen die rassistische Unterdrückung und für eine rechtliche Gleichstellung und Gleichbehandlung mit den weißen US-Amerikaner_innen.

Auch der Begriff ›Black Music‹ hatte einen politischen Hintergrund. Es ging den Musiker_innen darum, selbstbewusst ihre eigene Kultur darzustellen.

Der rassistische, von der Zeit der Sklaverei geprägte, gesellschaftliche Mainstream in den USA sah damals alles, was von Afroamerikaner_innen kam, als minderwertig an. Dieser Abwertung wurde eine positive Sicht auf alles, was ›black‹ ist, entgegengestellt. Dies drückte sich auch in Slogans wie ›I’m black and I’m proud‹ oder ›Black is beautiful‹ aus.

Heute ist Black Music oft nur ein Etikett für Musik wie Hip Hop, R’ n ’B oder Reggae und wird unabhängig von der Hautfarbe der Musiker_innen benutzt. Wenn die BRAVO Compilations mit dem Titel ›Black Hits‹ veröffentlicht und man bei MTV die ›Deutschen Black Charts‹ findet, hat dies nur noch sehr wenig mit dem ursprünglichen politischen Hintergrund des Begriffs zu tun.

Klischees in der Black Music

Wenn man sich anschaut, in welchen Zusammenhängen heute der Begriff ›Black Music‹ benutzt wird, begegnen einem sehr häufig bestimmte Klischees über Schwarze Menschen.

Ein typisches Beispiel sind Bilder von halbnackten, übersexualisierten – meist weiblichen – Menschen, wie die Flyer für Black-Music-Partys sie häufig zeigen. Im Gegensatz zu sexistischen Darstellungen von weißen Menschen, können diese Bilder zusätzlich die rassistische Vorstellung von besonders wilden, triebhaften, animalischen Schwarzen Menschen transportieren.

Ein anderes mit Black Music verbundenes Klischee ist das harte Leben im Ghetto. Gerne wird dieses Leben im Ghetto romantisiert. Es wirkt aufregend und spannend und erscheint als eine reizvolle Alternative zum langweiligen Schulalltag oder der täglichen Arbeit im Büro.

Auch dass Schwarze Menschen ›den Rhythmus im Blut haben‹ oder von einer tiefen Spiritualität durchdrungen sind, kann ebenfalls zu den mit Black Music verbundenen Vorstellungen und Klischees gezählt werden. Solche Klischees tragen dazu bei, dass alle Schwarzen Menschen auf solche Eigenschaften reduziert werden und führen so zur Bestärkung rassistischer Sichtweisen.

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