belächelt und gehasst – Emos und Männlichkeit

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belächelt und gehasst – Emos und Männlichkeit

Als Ursprung der Emo-Bewegung gilt der Hardcore aus den USA. Schon Anfang der 1980er Jahre gab es in der Hardcore-Szene neben Bands, die sich besonders durch ihre musikalische Aggressivität und Härte auszeichneten, andere Bands, die größeren Wert auf Melodien legten. Hier gab es einen offeneren Umgang mit den eigenen Gefühlen, die verstärkt in den Songtexten thematisiert wurden. Auch das stark an traditionelle Rollenmuster angelehnte Männerbild der Szene wurde hinterfragt.

Der so entstandene Musikstil Emocore – ›Emo‹ kommt von dem Wort Emotion, also Gefühl – setzt sich mit zwischenmenschlichen, aber auch mit gesellschaftlichen Themen auseinander und ist musikalisch breit gefächert. Der ursprüngliche harte Sound des Hardcore wurde durch neue Stilelemente wie den Wechsel zwischen gesungenen und geschrienen Passagen ergänzt. Auch eher sanfter und eingängiger Indierock ist zu finden.

Der Begriff Emo wird heute aber auch für einen jugendkulturellen Modestil benutzt, der nur bedingt etwas mit der musikalischen Geschichte zu tun hat, aber die Emo-Szene seit den 2000er Jahren maßgeblich prägt. Der typische Look besteht zumeist aus dunkler Kleidung, die durch bunte, oft als niedlich betrachtete Accessoires ergänzt wird. Weitere weit verbreitete Merkmale sind dunkel geschminkte Augen, lackierte Fingernägel und Piercings.

Alles nur geklaut?

Im Outfit der Emos sind Elemente aus verschiedenen Jugendkulturen zu finden, wie zum Beispiel der Nietengürtel aus der Punkszene oder die Totenkopfsymbolik und die schwarze Kleidung der Gothics. Teilweise finden sich auch Stilelemente aus dem Visual Kei, einem japanischen Stil, der sich vor allem durch grelle Outfits und Schminke, aufwendige Frisuren und bunte Accessoires wie Schleifen, Gürtel oder Haarspangen auszeichnet.

Gegner der Emo-Bewegung machen ihr dieses ›Ausleihen‹ von Elementen zum Vorwurf. Dabei vergessen sie häufig, dass es in Jugendkulturen gängige Praxis ist, bestimmte Dinge aus ihrem Zusammenhang zu lösen und anderweitig zu verwenden.

Dabei wird deutlich, dass AuthentizitätEchtheit, Glaubwürdigkeit, Realness. Ob eine Person so rüberkommt, als wäre sie sich selbst treu. in Jugendkulturen von hoher Bedeutung ist, da es oftmals darum geht, am ›echtesten‹ zu wirken oder sich am besten auszukennen – was den Emos abgesprochen wird, da sie angeblich nur einem Modetrend hinterherrennen.

Männlichkeit in der Emo-Szene

Nicht nur die Mädchen, auch die Jungs der Emo-Szene gehen gefühlvoll oder sogar zärtlich miteinander um, anstatt möglichst ›hart‹ zu wirken oder sich zu bekämpfen und zu ›dissen‹, wie es beispielsweise im Hardcore oder Hip-Hop häufig der Fall ist. Gerade solche meist als männlich betrachteten Tugenden wie Härte, Durchsetzungsvermögen oder Disziplin werden oft verweigert.

Auch der Kleidungstil der männlichen Emos ist weniger ›männlich‹ als dies in anderen Jugendszenen der Fall ist. Sie stylen sich auffällig, lackierte Fingernägel und eine androgyneAndrogyn bedeutet, dass weibliche und männliche Merkmale vereint sind, dass eine Person nicht eindeutig männlich oder weiblich erscheint. Erscheinung gehören oft dazu.

Emos fallen also immer wieder aus den traditionellen männlichen Rollenbildern heraus. Das kann als große Stärke der Bewegung angesehen werden: traditionelle Rollen werden aufgeweicht und neue Möglichkeiten geschaffen, toleranter miteinander umzugehen.

Doch auch die Emo-Szene reproduziert die gesellschaftlichen Verhältnisse: Das Geschlechterverhältnis ist in der Szene ziemlich ausgeglichen, trotzdem sind besonders in der Musik, zum Beispiel in den Bands, die Männer wesentlich stärker präsent. Hier sieht es nicht anders aus als in anderen Szenen wie Hip Hop oder Indie-Rock.

Alles Schwule und Mädchen?

Trotz der friedlichen Haltung der Emo-Bewegung erfährt fast keine Jugendszene soviel Ablehnung, gerade von Seiten anderer Jugendkulturen, aber auch dem Mainstream. Sich über Emos lustig zu machen ist weit verbreitet, sie werden als schwach, traurig, unmännlich und unecht angesehen und oft auf homophobe Weise beschimpft.

Hier spielt vor allem das nicht traditionellen Männerrollen entsprechende Auftreten eine große Rolle, weshalb Jungs aus der Szene immer wieder als ›schwul‹ oder ›Mädchen‹ bezeichnet werden. Obwohl diese Bezeichnungen keine Beleidigungen sind, werden sie auf abwertende Weise benutzt.

Staatsfeind Emo

Es kommt sogar vor, dass Emos nicht nur abgelehnt, sondern tätlich angegriffen und verfolgt werden. Beispielsweise versammelten sich 2008 in Querétaro in Mexiko 800 Heavy Metal-, Skate-, Punk- und Rock-Fans, um Jagd auf Emos zu machen. Sie begründeten ihre Tat damit, dass Emos homosexuell seien und ein negatives Stadtbild abgäben.

In Russland gab es 2008 einen Gesetzentwurf gegen den typischen Kleidungsstil der Emos in Schulen und öffentlichen Gebäuden. Als Begründung wurde behauptet, der Stil fördere Depressionen, Perspektivlosigkeit und sozialen Rückzug.

Am erschreckendsten ist aber eine Entwicklung im Irak, wo 2012 Emos von Milizen verfolgt und auf grausame Weise umgebracht wurden – bisher sollen der Verfolgung über 90 Jugendliche zum Opfer gefallen sein. Die Verfolger geben als Grund für ihre Taten die angebliche Homosexualität der Emos sowie deren ›Hang zum Satanismus‹ an.

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