unpolitische Szenen? – die Grauzone

Basti Brandt (Endstufe, linke Seite) und Sebastian Walkenhorst (Stomper 98, rechte Seite)

unpolitische Szenen? – die Grauzone

›Grauzone‹ ist ein Sammelbegriff für eine Gruppe von Anhänger_innen und Bands der Oi!-, Punk-, Skinhead- und Hardcoreszene, denen vorgeworfen wird, sich nicht ausreichend von rechtem Gedankengut zu distanzieren, auch wenn die Bands selbst nicht rechtsextrem sind. Der Begriff entstand eher außerhalb der Szenen und unterstellt den entsprechenden Bands ›Rechtsoffenheit‹, was in manchen Fällen auch zutrifft, aber nicht immer stimmt.

Dies betrifft vor allem Bands, die sich als unpolitisch bezeichnen. Ihnen wird oft vorgeworfen, dass sie rechtes Gedankengut ihrer Hörer_innen auf den Konzerten tolerieren und so die Verbreitung rechter Einstellungen zumindest nicht verhindern. Ebenso kann eine rechte Vergangenheit einer Band oder einzelner Mitglieder dazu führen, dass diese Band als Grauzone-Band wahrgenommen wird. Der Grauzone wurden oder werden teilweise Bands wie Stomper 98, Krawallbrüder, Discipline oder Frei.Wild zugeordnet.

Die Kritik an einer Band kann durchaus berechtigt sein, gerade wenn auch ihre Texte und Aussagen problematisch sind. Aber manchmal ist es schwierig, die Grenze zwischen begründetem Vorwurf und Unterstellung zu ziehen. So geraten auch immer wieder Bands in den Verdacht, sich nicht ausreichend abzugrenzen, die sich zwar antirassistisch positionieren, sich aber ansonsten nicht klar zu einem politischen Standpunkt bekennen. Deshalb ist es manchmal notwendig, etwas genauer hinzuschauen.

Der Fall Stomper 98

Viel diskutiert wurde über die Skinhead-Band Stomper 98 aus Göttingen. Nachdem im April 2008 ein Foto vom Sänger Sebastian ›Sebi‹ Walkenhorst mit dem Sänger der Rechtsrock-Band Endstufe im Internet auftauchte, gab es Forderungen an das Conne Island in Leipzig (ein linkes Jugendkulturzentrum) den Auftritt zum 10-jährigen Bestehen der Band im November 2008 abzusagen. Eine linkspolitische Initiative gab dazu eine fast 80 Seiten umfassende ›Faktensammlung‹ zu den scheinbar rechten Hintergründen von Stomper 98 heraus.

Die Band antwortete mit einer umfassenden Stellungnahme auf ihrer Website, in der sie die Vorwürfe zurückwies und sich als ›antirassistische Band‹ bezeichnete. Das umstrittene Foto bezeichnete die Band als »Ein[en] Schnappschuss in einer alles anderen als alltäglichen, sehr emotionalen Atmosphäre von zwei ehemals Bekannten, die sich seit 15 Jahren nicht gesehen hatten und die sich in den nächsten 15 Jahren höchstwahrscheinlich nicht wiedersehen werden.«

Die Grauzone auf Festivals

Eines der größten Oi!-Festivals in Deutschland ist das Punk and Disorderly Festival in Berlin. Hier spielen sich als links verstehende Bands aus dem Punk- und Oi!-Bereich mit Bands zusammen, die sich als unpolitisch bezeichnen und denen ›Grauzonenzugehörigkeit‹ vorgeworfen wird. Auch Bands, die tatsächlich rechte Inhalte in ihren Texten verbreiten, spielen manchmal auf solchen Festivals. Dies verdeutlicht, dass Politik und politische Ansichten bei vielen Musiker_innen und Fans des Oi!-Genres einen untergeordneten Stellenwert haben. Dadurch können schnell Bands, die keinerlei direkte Verbindungen zur rechten Szene haben und auch keine rechten Ansichten verbreiten, in den Verdacht geraten, eine Grauzone-Band zu sein. Das passiert manchmal nur, weil sie mit einer problematischen Band zusammen auf einem Festival gespielt haben.

Es ist hier wichtig, rechtsextremem Gedankengut entgegenzutreten. Pauschale Verurteilungen von Bands und Publikum sind aber genau deshalb wenig hilfreich, denn es sollen nicht die Falschen verurteilt oder unnötig Kämpfe ausgefochten werden: Bei Weitem nicht alle Bands aus den genannten Genres sind rechts oder ›rechts offen‹.

Gerbenok – eine unpolitische Band?

Gerbenok ist eine Band aus Weißenfels in Sachsen-Anhalt. Die Einflüsse der Band liegen im Oi! und Punk, was auch in der Musik deutlich wird. Vorwürfe gegenüber Gerbenok entstanden vermehrt in Folge des Textes ›Die neuen Hippies‹, in dem es heißt:

»Das soll jetzt nicht rassistisch klingen, doch es ist nun einmal so / Irgendwelche Asylanten dealen auf dem Bahnhofsklo / Mit langem Haar und schöner Bräune stehn sie an der Litfaßsäule / Schicken Kinder auf den Strich, doch das interessiert euch nicht«

Dieser Text ist eindeutig rassistisch, auch wenn die Band das anders sieht und sich selbst nicht als rechts versteht. Auf dem letzten Album ›Auf Gedeih & Verderb!‹ ist der Song ›Das Statement‹ vertreten, in welchem die Band sich gegen eine politische Einordnung wehrt.

»Von allen Seiten wird scharf geschossen / Ein Schlagabtausch von Kameraden und Genossen / Scheiss auf die Nazis, scheiss auf die Zecken / All das Gesindel kann uns mal am Arsche lecken«

Hier findet man eine Sichtweise wieder, die bei vielen Grauzone-Bands verbreitet ist. Rechte (›Nazis‹) und Linke (›Zecken‹) werden gleichermaßen abgelehnt, die Band versteht sich als unpolitisch, auch wenn ihre Aussagen durchaus politische Inhalte transportieren.

Gegenbewegungen

Um der Grauzonenbildung in den einzelnen Szenen entgegen zu wirken, gibt es verschiedene Aktionen, Initiativen und Bewegungen, die klar antirassistisch Stellung beziehen. Eine der bekanntesten ist ›Good Night White Pride‹ beziehungsweise ›Let’s Fight White Pride‹ (s. Themenbereich NSHC). Speziell in der Skinhead- und Oi!-Szene gibt es die SHARP (s. Themenbereich Skinheads). Dazu kommen etliche kleinere politische Bewegungen und ganz allgemeine, aber eindeutige Zeichen (zum Beispiel ›Gegen Nazis‹ oder ›Halte deine Umwelt sauber‹), die oft als Buttons oder Aufnäher getragen werden.

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