Sind das Linke? – Autonome Nationalisten

Ein Sticker der Autonomen Nationalisten

Eine Demonstration des linken schwarzen Blocks am 1.Mai 2012 in Berlin

Eine Demo von Autonomen Nationalisten in Nordhausen 2006

Eine Mütze mit typischen Buttons aus der linken Szene

Die AN haben auch die typischen Buttons der linken Szene kopiert und verändert, nur auf den zweiten Blick sind sie als Neonazi-Anstecker erkennbar

Sind das Linke? – Autonome Nationalisten

Auf die Frage: »Woran erkennt man einen typischen Neonazi?« würde man vermutlich auch heute noch am häufigsten die Antwort »An Glatze, Bomberjacke und Springerstiefeln.« erhalten. Dabei waren nie alle Neonazis Skinheads und die Zahl der Nazi-Skins geht seit Jahren zurück. Stattdessen gewinnen in der rechtsextremen Szene andere Styles und Strömungen an Einfluss. Besonders bedeutend sind hier die sogenannten ›Autonomen Nationalisten‹ (AN). Sie versuchen, sich im Aussehen und Auftreten vom Bild des klassischen Nazi-Skins abzugrenzen. Die AN möchten so mithilfe von Mode und Adaptionen linker Protestkultur Jugendliche ansprechen und rechte Propaganda attraktiv machen. Die verwirrende Symbolik und der verschleierte Rassismus der AN sind außerdem wichtige Hilfsmittel um auch Polizei, Verfassungsschutz und die Öffentlichkeit zu irritieren.

Die AN entstanden in den 1990er Jahren und gehen auf die sogenannten ›Freien Kameradschaften‹ zurück. Diese Zusammenschlüsse agieren hauptsächlich lokal oder regional, sind deutschlandweit vernetzt, aber formal unabhängig, und versuchen so, staatliche Verbote zu umgehen. Die AN sind eine Ausprägung der freien Kameradschaften und als ihre Hochburg in Deutschland gilt das Ruhrgebiet. Die Zahl der Autonomen Nationalisten wird vom Verfassungsschutz auf etwa 5.600 in 153 Gruppen in ganz Deutschland geschätzt.

Der Nazis neue Kleider

Vom Aussehen her unterscheiden sich die AN sowohl von den klassischen Nazi-Skins als auch von den biederen Mitgliedern rechter Parteien deutlich: Sie haben einen sportlichen Look, in der Regel bestehend aus Baseballcaps mit Buttons, Kapuzenpullovern, Windbreakern, Turnschuhen und Cargo Pants oder Jeans. Auch Piercings, Tunnels und die Kufiya (das sogenannte Palästinensertuch, s. Themenbereich zu Antisemitismus) sind keine Seltenheit. Wie auch bei den linken Autonomen – von denen dieser Stil kopiert wurde – ist Schwarz die vorherrschende Farbe im Dresscode.

Aber nicht nur durch die Kleidung versuchen AN dem Rechtsextremismus ein neues Gesicht zu geben: Sticker und Flyer werden modern gestaltet und sind auf den ersten Blick nicht als rechtsextreme Propaganda erkennbar. Auch Graffiti findet in der rechtsextremen Szene immer mehr Verbreitung.

Alles total extrem?

Merkmale und Symbole von linksradikalen Gruppierungen wie den linken Autonomen und der AntifaLinksradikale Gruppierung(en), die ein antifaschistisches Verständnis haben und aktiv gegen Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus kämpfen. wurden durch die AN aufgegriffen und kopiert, wodurch Autonome Nationalisten für Außenstehende nicht immer von Linken zu unterscheiden sind. Bei Demos treten sie als ›Schwarzer BlockDemonstrationstaktik von Gruppen; sie kleiden sich schwarz und treten zumeist vermummt auf, um als Einzelne für die Polizei weniger greifbar zu sein und Geschlossenheit und Stärke zu vermitteln.‹ auf, als Feindbilder werden vorrangig die Polizei, der Kapitalismus und das politische System der BRD genannt. Sie verwenden unter anderem auch ursprünglich linke Parolen wie ›Fight the system – fuck the law!‹ oder ›Kapitalismus abschaffen!‹.

Auf den zweiten Blick werden jedoch die menschenverachtenden rechten Ansichten der AN deutlich: die Ablehnung demokratischer Strukturen, das Ziel eines autoritären Führerstaates nach dem Vorbild des Nationalsozialismus sowie die Feindschaft gegenüber ›Ausländern‹, Migrant_innen und Andersdenkenden. Hier zeigt sich, dass eine Gleichsetzung von Links- und Rechtsextremismus völlig abwegig ist, auch wenn diese Sichtweise weit verbreitet ist. Ganz abgesehen von den politischen Inhalten wird das beispielsweise auch durch die Zahl der politisch motivierten Morde in Deutschland deutlich. Es gibt seit mehreren Jahrzehnten keine nachgewiesenen Todesopfer linker Gewalt, jedoch starben allein seit dem Jahr 1990 fast 200 Personen durch rechte Gewalt.

›Bürgerschreck‹ oder wichtiges Rekrutierungsinstrument?

Das Verhältnis der Autonomen Nationalisten zur parteipolitischen Rechten ist zwiespältig. Die NPD und traditionellere rechte Gruppen sehen die AN kritisch, da sie durch ihr aggressives Auftreten mögliche Wähler_innen verschrecken. Dieser Effekt ist durchaus beabsichtigt, da die AN die parlamentarische Demokratie generell ablehnen und sich vor allem an Personen richten, die sich von rechtsextremen Parteien nicht mehr angesprochen fühlen. Neben der Kritik am Auftreten und der äußeren Erscheinung der AN gibt es aber auch inhaltliche Kontroversen innerhalb der rechten Szene. So wird zum Beispiel die Frage aufgeworfen, warum man ausgerechnet Aussehen und Organisationsform des politischen Gegners kopiert. Auch fremdsprachige Slogans und ›undeutsche‹ Ausdrucksformen wie Graffiti sind in der rechten Szene umstritten.

Dem gegenüber stehen die offensichtlichen Erfolge der AN beim Rekrutieren von Nachwuchs für die rechte Szene. Gerade für Jugendliche ist das kämpferische Auftreten der AN oft deutlich attraktiver als das biedere Image der rechten Parteien oder das mittlerweile altmodische Aussehen der Neonazi-Skinheads. Im Allgemeinen werden die AN daher auch von Parteikadern toleriert, da so junge Neumitglieder geworben und ›politisiert‹ werden können.

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