Balkan Beats und ›gypsy‹-groove – Antiziganismus und Popkultur

Antiziganistische Vorurteile im Alltag – wie in diesem Comic aus dem Heft ›Ich, Rassist?‹ der Europäischen Kommission

Der Musiker Shantel

Balkan Beats und ›gypsy‹-groove – Antiziganismus und Popkultur

Antiziganismus besteht aus religiösen, sozialen und rassistischen Vorurteilen. Vermutlich müsstet ihr euch auf der Straße nicht lange umhören, um eine Vorstellung von gängigen Stereotypen ›des Zigeuners an sich‹ zu bekommen. Vorstellungsbilder von ›Zigeunern‹ sind weit verbreitet. Diese stereotypen Bilder haben ein langes kulturelles Erbe in Literatur, Musik und Kunst und werden bis heute in den Medien, der Popkultur und im Alltag bekräftigt. ›Zigeunern‹ werden dabei Eigenschaften wie ›ewiges Wandern‹, kriminelle Veranlagung, Unsauberkeit, besondere wahrsagerische und musikalische Fähigkeiten oder ›wilde‹ Feste zugeschrieben.

In der Popmusik finden sich immer wieder Songs oder Musikvideos, die ein exotistisches Bild (s. Themenbereich zu Exotismus) von ›Zigeunerromantik‹, das heißt von glücklich und unbeschwert lebenden Menschen, heraufbeschwören. In der realen Welt sieht das Leben der Menschen, die als ›Zigeuner‹ bezeichnet werden, aber oftmals ganz anders aus. Sie haben unter massiver Diskriminierung zu leiden und sind in vielen Fällen von Vertreibung und Abschiebung bedroht.

Sinti und Roma

Antiziganismus und abstrakte ›Zigeuner‹-Bilder richten sich gegen echte, individuelle Menschen, nämlich u.a. die Bevölkerungsgruppen der Sinti und Roma. Viele von ihnen lehnen die Bezeichnung ›Zigeuner‹ ab, denn sie trägt alle Vorurteile in sich, mit denen die jahrhundertelange Verfolgung von Sinti und Roma bis hin zum Völkermord während der Zeit des Nationalsozialismus gerechtfertigt wurde. Durch diese Vorurteile stoßen sie noch heute oft auf Ablehnung, Benachteiligungen oder Ausschluss vom gesellschaftlichen Mitwirken.

Heute leben in Deutschland etwa 120.000 Sinti und Roma – mit ganz unterschiedlichen Lebensumständen. Eine Mehrheit hat einen festen Wohnsitz und die deutsche Staatsbürgerschaft. Andere dagegen sehen sich akut von Abschiebung und Vertreibung bedroht.

Genre-Etikett Balkan und ›Gypsy‹

Hinter diesen Begriffen mixen sich Sounds aus der Balkan-Region in Südosteuropa oder Kompositionen von Sinti und Roma mit Electronica-, Techno-, Jazz- und Swingelementen. Entstanden ist eine Musikszene, die durch ihre Uneindeutigkeit kulturelle, politische, religiöse und soziale Grenzen überwinden möchte. So gibt es auf dem erfundenen ›Planeten Paprika‹ (so der Titel eines Albums von 2009) des Musikers Shantel keine Passkontrollen und keine Hierarchien. Das Projekt Balkan Beats Berlin möchte unter dem Motto des Culture Recycling seit 1993 kulturelle Klischees überwinden.

Nach der Jahrtausendwende wurden Tanzveranstaltungen wie die des erwähnten Projekts Balkan Beats Berlin von DJ Soko oder Shantels Bucovina Club von Geheimtipps zu Publikumsmagneten. Ob vom Plattenteller oder als Livemusik, gegenwärtig laden die Begriffe ›Balkan‹ oder ›GypsyGypsy ist die aus dem Griechischen stammende Bezeichnung für ›Zigeuner‹ in der englischen Sprache, die aber dieselben Vorstellungen bekräftigt.‹ in steigender Popularität auf unzähligen Flyern zu durchtanzten Nächten ein.

›Zigeuner‹-Stereotype in der Balkan- und ›Gypsy‹-Popkultur

Im popkulturellen Umgang mit den Aushängeschildern ›Balkan‹ oder ›Gypsy‹ finden sich auch viele Elemente von ›Zigeunerromantik‹ – bei Band- und Partyankündigungen, Plattenkritiken, in Popsongs und bei Konsument_innen der Musikszene. Scheinbar ›positive‹ Klischees wie die der ›freien Fahrenden‹ oder ›lustigen Zigeuner‹ bekräftigen gleichzeitig exotistischen und rassistischen Vorstellungen, die die Grundlage des Antiziganismus sind.

»Cause I’m a gypsy / Are you coming with me? / I might steal your clothes and wear them if they fit me / I never made agreements / Just like a gypsy«

(Quelle: Shakira, Gypsy, 2010)

Übersetzung:

»Weil ich eine Zigeunerin bin / Kommst du mit mir? / Ich stehle vielleicht deine Sachen und trage sie, falls sie mir passen / Ich habe nie etwas vereinbart / Genau wie eine Zigeunerin«

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