Immer noch ein Thema – Antisemitismus in Jugendkulturen

Eine brennende Israel-Flagge auf einer Demonstration

Immer noch ein Thema – Antisemitismus in Jugendkulturen

Unter Antisemitismus versteht man die generelle Ablehnung von Juden und Jüdinnen. Neben der Ablehnung des Judentums als Religion geht Antisemitismus mit der willkürlichen Unterstellung negativer Charaktereigenschaften einher, die jüdischen Menschen, egal ob gläubig oder nicht, zugeschrieben werden.

Antisemitismus ist in vielen Jugendkulturen zu finden. Besonders offen zeigt er sich in der rechtsextremen Szene. Aber auch in anderen Subkulturen kommt er vor, wenn auch häufig in versteckter Form.

Jüdische Menschen werden im Antisemitismus als eine einheitliche Gruppe betrachtet, deren Mitglieder angeblich ganz bestimmte, unveränderliche Eigenschaften hätten. Diese zugeschriebenen Eigenschaften sind sehr vielfältig. Sie können positiv oder negativ sein. Immer wird aber so getan, als wären genau diese Eigenschaften ›typisch jüdisch‹ und als wären die ›typisch jüdischen Eigenschaften‹ unveränderlich.

Oftmals weisen die antisemitischen Zuschreibungen eine lange Geschichte der Überlieferung auf. Viele Vorurteile wurden schon jahrhundertelang benutzt. Es sind also die Vorurteile, die sich nicht verändern, nicht die unterstellten Eigenschaften.

So wurden schon seit dem Mittelalter Juden und Jüdinnen vor allem in Europa verfolgt, diskriminiert und unterdrückt. In Deutschland erlebte der Antisemitismus in der Zeit des Nationalsozialismus mit dem Holocaust seinen Höhepunkt. Die negativen Zuschreibungen und die Ablehnung des Judentums gehen oft so weit, dass manche Leute glauben, jüdische Menschen seien selbst schuld am Holocaust gewesen und würden heute davon profitieren. So werden Opfer zu Täter_innen erklärt, und Geschichte wird gefälscht.

Platter Antisemitismus

Die Band Kommando Freisler ist eine Rechtsrockband, die offen den Nationalsozialismus und den Holocaust verherrlicht und damit bereits Gegenstand mehrerer Ermittlungsverfahren war. Sie verbreitet in ihren Liedern äußerst platten Hass auf Juden und Jüdinnen, den sie nicht einmal hinter fadenscheinigen Begründungen zu verstecken versuchen. Diese Form des Antisemitismus ist heute kaum noch außerhalb der rechtsextremen Szenen verbreitet.

Hier ein Auszug aus ihrem Lied ›Judenschwein‹, in dem diskriminierende Stereotype über Juden und Jüdinnen aufgegriffen werden:

»Mit deinen Ohren groß wie Segeln / der Riesennase im Gesicht. / Dein Hut bedeckter Wasserschädel / Jude dich verkennt man nicht. / Doch du solltest besser fliehn / wenn die Braunen durch die Straßen ziehn. / Denn in Deutschland weiß ein jedes Kind / dass Juden nur zum Heizen sind.«

Verschwörungstheorien und Kapitalismus

Eines der hartnäckigsten Vorurteile gegen jüdische Menschen besteht in der falschen Vorstellung, sie wären reicher als andere, könnten gut mit Geld umgehen und würden andere Menschen betrügen, um sich zu bereichern.

Kritik am Kapitalismus ist wesentlicher Bestandteil der linken und der rechten Szene. Oft werden im Zusammenhang mit einer allgemeinen Kapitalismuskritik von Rechten, aber auch von Linken, antisemitische Argumente verwendet.

Juden und Jüdinnen werden dann mit dem Banken- und Zinswesen in Verbindung gebracht. Ihnen wird vorgeworfen, dass sie die Fäden der Weltwirtschaft in der Hand und somit besonders viel Einfluss hätten. In weit verbreiteten Verschwörungstheorien kommt die Feindschaft gegenüber dem Judentum besonders stark zur Geltung: Juden und Jüdinnen werden beschuldigt, mithilfe ihrer angeblichen finanziellen Macht die Weltherrschaft an sich reißen zu wollen.

Dieser Verschwörungsgedanke zeigt sich beispielsweise in den Liedtexten rechtsextremer Bands. Hier ein Beispiel der Band Volkszorn aus dem Album ›Der ewige Jude‹:

»Politiker der ganzen Welt hast du als Marionetten abgestellt, sämtliche Staatsorgane hältst du fest in deiner Hand. / Alles ist so teuflisch, und so kontrollierst du die ganze Welt. / Der ewige Jude, er ist immer noch da. / Der ewige Jude, die weltweite Gefahr. / Der Jude muss sterben, oder unsere Tage sind gezählt!«

Aber auch außerhalb der rechtsextremen Szene findet sich diese Form des antisemitischen Stereotyps. Der Rapper Haftbefehl rappt in seinem Song ›Meine Stadt‹:

»[…] und ticke Kokain an die Juden von der Börse […]«

Hass auf Israel

Die Ablehnung von Juden und Jüdinnen kann sich auch auf Israel beziehen, den einzigen Staat weltweit, in dem jüdische Menschen eine Mehrheit bilden. Oft wird hier Kritik an der israelischen Regierung mit antisemitischen Vorurteilen vermischt. Juden und Jüdinnen in der ganzen Welt werden für die israelische Politik und die damit einhergehenden Spannungen mit Palästina und anderen arabischen Staaten im NahostkonfliktAls Nahostkonflikt bezeichnet man den Konflikt um die Region Palästina, der seit der Gründung des israelischen Staates 1948 zu sechs Kriegen führte. Auch heute noch dauern die bewaffneten Konflikte an. verantwortlich gemacht.

Diese Kritik an Israel ist nicht nur in der rechten, sondern auch in der linken Szene und unter junge Muslim_innen zu finden, häufig werden auch hier jüdische Menschen im Allgemeinen zum Feindbild erklärt.

Die rechtsextreme Band Hassgesang erhebt im Lied ›Israel‹ schwere Vorwürfe und ruft zur Vernichtung Israels auf:

»In Palästina gibt’s ein Land / Israel wird es genannt / Für Mord und Raub ist es bekannt / Kleine Kinder werden dort verbrannt / Habt ihr den wahren Feind erkannt / Nehmt die Waffen in die Hand / Die beste Lösung sei genannt: / Vernichtet dieses Land.«

Das ›Palästinensertuch‹ als Zeichen von Antisemitismus?

Die Kufiya ist ein aus der arabischen Welt stammendes Tuch, das seit den Student_innenproteste in den 1970er Jahren auch in deutschen Jugendkulturen als Zeichen für die Solidarität mit Palästina getragen wurde und wird.

Heutzutage findet man es vermehrt im rechten Spektrum, beispielsweise bei Autonomen Nationalisten. Unter Linken ist es heute dagegen immer seltener zu finden. Hier ist es als Parteinahme für Palästina im Nahostkonflikt und damit als antiisraelisch oder antisemitisch zu verstehen. Das Tuch ist darüber hinaus aber auch zu einem Modeaccessoire geworden, das von Leuten getragen wird, die damit kein politisches Statement abgeben wollen.

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